Dissoziative Störungen (Kurzfassung)


Was sind dissoziative Störungen?
 

Dissoziation bedeutet zunächst einmal Auflösung, Trennung oder Zerfall und ist das Gegenteil von Assoziation, von Verbindung und Verknüpfung. Dissoziation ist nach der Definition ein komplexer seelisch-körperlicher Prozess, bei dem es zu einer Trennung und Abspaltung des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität und der Wahrnehmung von sich selbst und der Umwelt kommt.  

Dissoziative Störungen: Dissoziation ist normal 

Dissoziation ist grundsätzlich eine allgemein menschliche Fähigkeit, sie ist eine mehr oder weniger deutlich ausgeprägte Form der Reaktion und der Verarbeitung von Erlebnissen. Sie hat eine wichtige Funktion im Alltagsleben wie beispielsweise bei Zuständen hoher Konzentration ebenso wie bei automatisch ablaufenden Handlungen wie Autofahren, die sog. „Autobahntrancen“, aber auch Stricken, Bügeln u.a. Dissoziation kommt auch vor bei leichten Trance-Erfahrungen in Verbindung mit kreativer Beschäftigung. Ebenso typische dissoziative Phänomene sind Tagträume, Gedankenabschweifen und daraus resultierende Gedächtnislücken, bei denen man sich beispielsweise nicht mehr erinnern kann, ob man den Brief wirklich eingeworfen hat oder dies nur tun wollte. Kinder verfügen in der Regel über besonders gute dissoziative Fähigkeiten, die sie als Verarbeitungsmöglichkeiten von Erlebnissen in Spiel- und Phantasietätigkeit nutzen. 

Dissoziation ist deshalb als solche nicht pathologisch und führt auch häufig nicht zu wesentlichen Beeinträchtigungen wie Kontrollverlusten oder dem Wunsch nach Hilfe. Dissoziative Phänomene kommen in unterschiedlicher Intensität vor allem bei belastenden Lebenssituationen vor: Entfremdungsgefühle sich selbst und der Umgebung gegenüber können bei Erschöpfungssituationen ebenso auftreten wie bei traumatischen Situationen z.B. einem Verkehrsunfall oder beim plötzlichen Tod eines nahe stehenden Menschen. Man muss deshalb unterscheiden zwischen normaler und pathologischer Dissoziation. 

Dissoziative Störungen: Dissoziation als Störung 

Die ( 5) dissoziative n Hauptsymptome können in abgestufter Intensität für die Person jedoch zu bedeutsamen Beeinträchtigungen ihrer Lebensqualität führen. Dazu gehören 

·      Gefühl der Entfremdung der Umgebung gegenüber (Derealisation) 

·      Gedächtnislücken (dissoziative Amnesie) 

·      Gefühl der Entfremdung von sich selbst (dissoziative Depersonalisation) 

·      Verlassen der gewohnten Umgebung (dissoziative Fugue) 

·      Multiple Persönlichkeit (Dissoziative Identitätsstörung) 

Wie entstehen dissoziative Störungen? 

Dissoziation ist - wie bereits erwähnt – zunächst kein pathologisches Phänomen, sondern eine Form der Erlebnisverarbeitung. In Situationen, in denen es zu einer Reizüberflutung kommt, dient der Mechanismus der Dissoziation als eine Art Schutzfunktion. Im Sinne einer selbstregulierenden Verarbeitung werden extrem unangenehme Erfahrungen zeitweilig abgespalten (dissoziiert), indem sie zum Beispiel nicht erinnert oder als unwirklich erlebt werden können.  

Bei wiederholter Einwirkung von Stressoren im Kindesalter wird die natürliche Fähigkeit zur Dissoziation in besonderer Weise verstärkt. Bei andauernden und schweren traumatischen Einwirkungen kann es so zu einer fortgesetzten Abkapselung von Erinnerungsmustern kommen, die die Basis für die Ausformung von Alternativ-Persönlichkeiten bildet. Schwere und Qualität des Traumas, Länge und Wiederholungen der Einwirkungen und die Dissoziationsfähigkeit des Kindes bestimmen das Ausmaß der Dissoziativen Identitätsstörung (Multiple Persönlichkeit). 

Bei PatientInnen mit dissoziative n Störungen findet man regelhaft schwere frühkindliche Traumatisierungen, worunter nach verschiedenen Studien neben psychischer, physischer und sexueller Traumatisierung auch Vernachlässigung im Kindesalter zu rechnen ist. Die Dissoziation ist eine kreative Überlebensstrategie, die dem Individuum hilft, mit den  überwältigenden traumatischen Erfahrungen fertig zu werden. 

Wie stellt man die Diagnose dissoziative r Störungen? 

Die Diagnosestellung ist nicht immer einfach. Viele Patienten kommen in die Behandlung nicht wegen der dissoziative n Symptome, sondern wegen Angst, Depressionen, Essstörungen oder Beziehungsstörungen. Viele Betroffene versuchen auch, diese Symptome zu verstecken, weil sie kein Vertrauen zu Ärzten und Therapeuten haben und aus Angst, möglicherweise für verrückt gehalten zu werden. Einem Teil der Betroffenen sind die dissoziative n Symptome nicht in vollem Umfang bewusst. Deshalb ist die Diagnosestellung oft erst im Laufe einer längeren Therapie möglich. 

Es gibt jedoch eine Reihe von unspezifischen Hinweisen, die auf dissoziative Störungen hindeuten: 

·    Traumatische Erfahrungen in der Kindheit

·    Misslingen vorhergehender Behandlungen

·    Drei oder mehrere Vordiagnosen wie z.B. Depressionen, Persönlichkeitsstörung,  Angststörung,  Anpassungsstörung, Substanzmissbrauch, Somatisierungs- oder Essstörungen.

Als Leitsymptome der dissoziative n Störungen gelten Gedächtnislücken sowie wiederholte chronische Entfremdungserlebnisse. Bei schweren dissoziative n Störungen gelten zudem Beeinträchtigungserleben und Identitätswechsel. Zur Unterstützung der Diagnosestellung gibt es auch standardisierte Messmethoden in Form von Fragebogen. 

Behandlung dissoziative r Störungen 

Die Behandlung von einem Teil der dissoziative n Störungen unterscheidet sich nicht grundsätzlich von anderen psychotherapeutischen Krankheitsbildern mit stark beeinträchtigenden Symptomen. Hier steht die Arbeit an den auslösenden Situationen im Vordergrund. Ergänzt wird die Behandlung durch imaginative Techniken zur Beeinflussung der Symptome. Kernstück ist in jedem Fall eine individuelle ambulante Psychotherapie. Häufig sind zusätzlich Psychopharmaka-Therapie, spezielle begleitende Gruppentherapie wie soziales Kompetenztraining oder Imaginationsübungen, sozialpsychiatrische Unterstützung, und Klinikeinweisungen als Intervalltherapie sinnvoll und notwendig. 

Behandlung der dissoziative n Identitätsstörung 

Die Behandlung der schwereren dissoziative n Identitätsstörung ist komplexer und erfordert eine flexible, schulenübergreifende Handhabung. Hierbei geht es darum, dass die Patienten die dissoziative n Fähigkeiten als Bewältigungsmechanismen Schritt für Schritt aufgeben können und neue flexiblere und sinnvollere Bewältigungsformen entwickeln, dazu gehört auch die Verantwortungsübernahme für die selbstdestruktiven und aggressiven Anteile an sich. Das bedeutet, dass die Patienten lernen müssen, dass einerseits die dissoziative Abwehr als Überlebensstrategie wichtig war, dass aber alle Persönlichkeiten zu einer einzigen Person gehören und dass es hierfür eine gemeinsame Verantwortung gibt. 

Da es sich bei der dissoziative n Identitätsstörung um komplexe frühkindliche und lang anhaltende Traumatisierungen handelt, sind die Therapien entsprechend langwierig, man muss für die verschiedenen Phasen ein bis mehrere Jahre rechnen. Die ambulante Therapie ist in der Regel die Therapie der Wahl, häufig sind aber stationäre Behandlungen als Intervall-Behandlungen sinnvoll und notwendig. 

Stationäre  Behandlung mit der  Integrativen Traumatherapie  

In der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik der Hardtwaldklinik I, Abteilung für Integrative Therapie und Traumatherapie, arbeiten wir tiefenpsychologisch fundiert in Gruppen- und Einzeltherapie. Wir orientieren uns dabei an dem dreistufigen Therapiekonzept von J. Herman unter Einbeziehung spezieller Techniken wie dem EMDR sowie traumamodifizierter Körpertherapie. Im Vordergrund  unseres störungsspezifischen und dennoch ganzheitlichen Ansatzes stehen insbesondere die Selbstheilungskräfte und Ressourcen des Menschen.  

Auf der Basis der Traumakonzepte von Herman, Reddemann, Sachsse, Shapiro (EMDR), van der Kolk und Butollo wurde der spezielle  Ansatz der Integrativen Traumatherapie entwickelt. Dieses Verfahren ist phasenhaft strukturiert:  

·      Ressourcenorientierte Stabilisierungsphase

·      Traumaarbeit/Expositionphase 

·      Integrationsphase (Meist Übergang zur ambulanten Behandlung)  

Für PatientInnen mit dissoziative n Störungen ist die Stabilisierungsbehandlung als erste Stufe der Integrativen Traumatherapie die Grundlage für alle weiteren Behandlungsschritte. Sie kann je nach Schwere der dissoziative n Störungen und der jeweiligen Lebenssituation unterschiedlich lang sein. Meist geht es während des gesamten Aufenthaltes ausschließlich um Stabilisierung. Die Erarbeitung von ausreichender Sicherheit,  Stärkung und Aufbau der Ich-Funktionen, die Schulung der Achtsamkeit sowie stabilisierende Körperarbeit und Entspannungstraining u.a. sind wesentliche Inhalte dieser Behandlungsphase.   

In Ausnahmefällen kann sich an die Stabilisierungsphase die Traumaarbeit/ Traumaexposition anschließen. Voraussetzung hierfür ist aber immer eine ausreichende Stabilität der äußeren Lebensumstände sowie eine gewisse Fähigkeit zur Affektsteuerung und Selbstberuhigung. 

Ziel der stationären Behandlung von PatientInnen mit dissoziative n Störungen ist eine Unterstützung im Heilungsprozess der Betroffenen, der darin besteht, die abgespaltenen Anteile nach und nach als zu sich gehörig anzuerkennen, die bisherigen Bewältigungsmechanismen durch Dissoziation aufzugeben und dafür neue flexiblere und sinnvollere psychische Anpassungsprozesse zu erlernen.  

B. Landgrebe

Für weitere Informationen über die traumatherapeutische Behandlung der dissoziativen Störungen besuchen Sie bitte unsere Internet-Seiten: Selbstverletzendes Verhalten, Traumatherapie und Traumaexposition

Animationen animierte Augen

Weitere Medizinische Informationen und Links für Patienten und Interessierte - von ADHS bis Zwangsstörungen finden Sie hier.

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Aktualisiert: Juni 2010

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